SG Ready: drei Betriebszustände, nicht vier
Fast jeder Ratgeber zählt vier SG-Ready-Zustände auf. Die Spezifikation des Labelgebers kennt drei — und Zustand 1 ist längst keine Sperre mehr.
Wer eine Wärmepumpe mit Solarstrom betreiben will, stößt früher oder später auf zwei Klemmen im Gerät, beschriftet mit SG1 und SG2. Über sie sagt eine Steuerung der Wärmepumpe, was sie tun soll — mehr heizen, weniger heizen, oder einfach weitermachen. Das ist die SG-Ready-Schnittstelle, und sie ist der einfachste Weg, PV-Überschuss in Wärme zu verwandeln.
Nur: Was fast überall darüber steht, stimmt nicht mehr. Die Spezifikation, die das Label vergibt, kennt heute drei Betriebszustände. Die vier, die in nahezu jedem Ratgeber aufgezählt werden, sind ein überholter Stand.
Drei Zustände, nicht vier
Die maßgebliche Quelle ist die Technische Schnittstellenbeschreibung für SG Ready in der Version 1.1, herausgegeben vom Bundesverband Wärmepumpe — also von der Stelle, die das Label vergibt. Dort heißt es wörtlich, Heizungswärmepumpen müssten über einen Regler verfügen, „der drei Betriebszustände abdeckt".
Der Grund für die Differenz zur verbreiteten Vierer-Liste steckt in der Schaltlogik. Die beiden Klemmen können vier Kombinationen bilden; früher stand jede für einen eigenen Zustand. In Version 1.1 werden zwei davon zusammengefasst — der Zustand 1 gilt ausdrücklich für „SG1: 1, SG 2: 0 ODER SG1: 1, SG 2: 1".
| Zustand | SG1 / SG2 | Was die Wärmepumpe tut | Wer ihn auslöst |
|---|---|---|---|
| 1 | 1/0 oder 1/1 | Leistungsaufnahme begrenzen — parametrierbar, nicht zwingend Abschaltung | Netzbetreiber oder Energiemanagement |
| 2 | 0/0 | Normalbetrieb nach eigener Regelung | Grundzustand ohne Signal |
| 3 | 0/1 | verstärkter Betrieb, Wärme einspeichern | PV-Überschusssteuerung |
Offen gesagt: Wie viele Geräte am Markt noch nach der älteren Vierer-Fassung arbeiten, wissen wir nicht — eine Erhebung dazu gibt es nicht. Der Artikel sagt, was die aktuelle Spezifikation verlangt. Halte die Dokumentation deines konkreten Geräts gegen diese Tabelle, bevor du eine Steuerung parametrierst.
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Zustand 3: der einzige, der für PV-Überschuss zählt
Die Spezifikation beschreibt diesen Zustand als verstärkten Betrieb „für Raumheizung und/oder Trinkwassererwärmung". Und dann folgt der Satz, um den es beim Eigenverbrauch geht: Dabei soll überschüssige elektrische Energie „bspw. durch Anhebung der Solltemperaturen im Puffer- oder Warmwasserspeicher thermisch gespeichert werden."
Das ist die ganze Idee: Der Speicher wird zur Batterie — nur eben für Wärme statt für Strom. Läuft die Anlage mittags über den Eigenbedarf hinaus, hebt die Steuerung die Zieltemperatur an, die Wärmepumpe zieht mehr Strom, und die Wärme steht abends zur Verfügung, wenn kein Solarstrom mehr kommt.
Zustand 1 ist keine Sperre mehr
Der größte inhaltliche Unterschied zur alten Darstellung steckt im ersten Zustand. Er heißt in Version 1.1 nicht mehr Sperre, sondern muss „parametrierbar sein, um die Leistungsaufnahme der Wärmepumpe zu beschränken". Mindestens eine von drei Einstellmöglichkeiten muss das Gerät beherrschen:
- 0 kW Leistungsaufnahme — das ist die klassische Abschaltung, aber nur noch eine von mehreren zulässigen Umsetzungen.
- Eine herstellerseitig festgelegte positive Leistungsaufnahme größer als null.
- Eine installationsseitig festlegbare positive Leistungsaufnahme, die ausschließlich dem Fachpersonal zugänglich sein darf.
| Umsetzung von Zustand 1 | Leistungsaufnahme | Wer sie einstellt |
|---|---|---|
| Abschaltung | 0 kW | fest im Gerät |
| herstellerseitig festgelegt | positiver Wert über 0 kW | Hersteller |
| installationsseitig festlegbar | positiver Wert über 0 kW | nur Fachpersonal |
Für die beiden letzten Varianten empfiehlt die Spezifikation ausdrücklich, die Bestimmungen des § 14a EnWG umzusetzen: Begrenzung auf 4,2 Kilowatt bei bis zu 11 Kilowatt Netzanschlussleistung oder auf 40 Prozent der Netzanschlussleistung bei über 11 Kilowatt. Ist die technische Umsetzung nicht möglich, darf ein niedrigerer positiver Wert fixiert werden.
Praktisch heißt das: Wenn der Netzbetreiber im Rahmen der Steuerbarkeit eingreift, wird deine Wärmepumpe nicht abgeschaltet, sondern gedrosselt. Ein Haus mit 11 Kilowatt Netzanschlussleistung behält 4,2 Kilowatt für die Wärmepumpe — genug, um im Winter weiterzuheizen, wenn auch langsamer.
Wie die Netzentgeltmodule dazu funktionieren und welcher Netzbetreiber was anbietet, steht im Ratgeber zu § 14a EnWG und den Netzentgelten.
Für wen das Label überhaupt gilt
Der Geltungsbereich ist enger, als viele denken. Die Spezifikation stellt auf die elektrische Netzanschlussleistung ab — ausdrücklich in Abgrenzung zur Heizleistung — und nennt als Schwelle über 4,2 Kilowatt am Netzanschlusspunkt, mit Verweis auf den Beschluss BK6-22-300 der Beschlusskammer 6 der Bundesnetzagentur vom 27. November 2023.
Das ist die Grenze, ab der eine Anlage als steuerbare Verbrauchseinrichtung gilt. Kleine Warmwasserwärmepumpen können darunter liegen — und für sie gilt ohnehin eine eigene Regel: Bei ihnen sperrt der Zustand 1 nur „einen optional verbauten elektrischen Zusatzheizer", und seine Umsetzung ist optional, sofern es sich nicht um eine steuerbare Verbrauchseinrichtung handelt.
Der Nachteil dieser Flexibilität: Zwei Geräte mit demselben Label können sich im Zustand 1 völlig unterschiedlich verhalten — eines geht auf 0 kW, das andere hält 4,2 kW. Für die Auslegung der Heizkurve ist das ein erheblicher Unterschied, und im Prospekt steht er nicht. Häufigster Fehler ist deshalb, das Label mit einer garantierten Funktion zu verwechseln.
Die technischen Details, an denen Installationen scheitern
- Steuerspannung klären. Sie ist nicht genormt: Die Spezifikation erlaubt dem Hersteller einen Bereich von 3 bis 250 Volt und verlangt nur, dass der Wert in den Herstellerunterlagen steht. Wer eine Steuerung anschließt, ohne diesen Wert zu kennen, rät.
- Klemmenbezeichnungen prüfen. Abweichende Namen sind zulässig, müssen aber laut Spezifikation SG1 und SG2 in der Gerätedokumentation referenzieren — und dürfen hinsichtlich ihrer Funktion nicht irreführend benannt sein.
- Mindesthaltezeiten einplanen. Für schnittstellenkompatible Systemkomponenten gilt: Ein gesetztes Signal für Zustand 1 oder Zustand 3 bleibt mindestens 10 Minuten aktiv, und nach dem Abfall darf es „frühestens nach 10 Minuten" wieder gesetzt werden.
- Bei mehreren Geräten das Führungsgerät festlegen. Die Spezifikation verlangt, dass bei zusammengeschalteten Anlagen ein Gerät bestimmbar ist, das den netzdienlichen Betrieb des Verbunds sicherstellt.
- Planungsunterlagen anfordern. Für jedes SG-Ready-Modell müssen Unterlagen existieren, die beschreiben, wie die Anlage für Lastmanagementanforderungen auszulegen ist — in der Sprache des Vertriebsgebiets.
Ein Beispiel für die Größenordnung, gerechnet mit den Werten der Spezifikation: Bleiben im Zustand 1 noch 4,2 kW übrig und läuft die Begrenzung über 2 Stunden, nimmt die Wärmepumpe in dieser Zeit höchstens 8,4 kWh auf statt der vollen Anschlussleistung von 11 kW, die über 2 Stunden 22 kWh ergäben. Das ist unsere eigene Überschlagsrechnung mit den in der Spezifikation genannten Werten; wie lange ein Eingriff tatsächlich dauert, legt der Netzbetreiber fest und nicht das Label.
Was SG Ready nicht kann
Die Schnittstelle überträgt Zustände, keine Zahlen. Sie sagt der Wärmepumpe „jetzt ist Überschuss da", nicht „nimm 2,4 Kilowatt auf". Damit taugt sie hervorragend, um einen Speicher an sonnigen Mittagen vorzuladen — und schlecht, um eine Einspeisung punktgenau auf null zu regeln.
Ausdrücklich ausgeschlossen ist außerdem ein naheliegender Bastelweg: Eine Sperrung der Wärmepumpe über Raumthermostate in Abhängigkeit von der Raumtemperatur ist laut Spezifikation „nicht ausreichend". Wer die Anforderungen erfüllen will, muss die Zustände am Regler umsetzen.
- Herstellerdokumentation gegen die Zustandstabelle halten — beschreibt sie drei oder vier Zustände, und welche Kombination liegt auf welchem Zustand?
- Fragen, was Zustand 1 konkret bewirkt — Abschaltung auf 0 kW oder Begrenzung auf einen positiven Wert, und auf welchen?
- Steuerspannung im Datenblatt nachschlagen, bevor eine Steuerung beschafft wird — notiere den Wert und vergleiche ihn mit dem Ausgang deines Energiemanagements.
- Zustandswechsel mitschreiben — die Spezifikation erlaubt Herstellern, Zustandswechsel zu dokumentieren; ist das der Fall, lies die Protokolle in der App aus und prüfe, ob Zustand 3 mittags überhaupt anliegt.
- Speichervolumen prüfen — ohne ausreichenden Puffer- oder Warmwasserspeicher hat der verstärkte Betrieb nichts, wohin er die Wärme legen kann.
- Prüfen, ob die eigene Steuerung SG Ready überhaupt bedient — schnittstellenkompatible Systemkomponenten müssen laut Spezifikation alle definierten Betriebszustände nutzen, nicht nur einen.
Wie das ins Gesamtbild passt
SG Ready ist ein Baustein, kein Konzept. Wie groß die Anlage für eine Wärmepumpe sein muss und was die Kombination tatsächlich spart, steht im Ratgeber zu PV und Wärmepumpe kombinieren. Die einfachere, aber deutlich ineffizientere Alternative behandelt der Ratgeber zum Heizstab für Warmwasser aus Überschuss. Und wie du Überschuss überhaupt zuverlässig erkennst, hängt am Messkonzept — dazu der Ratgeber zum Messkonzept und den Zählern.
Wer den Eigenverbrauch insgesamt hochziehen will, findet die Reihenfolge der Hebel im Ratgeber Eigenverbrauch optimieren.
Was wir nicht belegen können
- Wie viele Geräte am Markt noch der Vierer-Logik folgen, ist unbekannt. Wir haben dazu keine Erhebung gefunden und schätzen nicht.
- Das Ausstellungsdatum der Version 1.1 geht aus dem abgerufenen Dokument nicht hervor. Datiert ist darin nur der referenzierte Beschluss der Bundesnetzagentur vom 27. November 2023.
- Eine Ersparnisrechnung stellen wir hier nicht auf. Wie viel Überschussheizen bringt, hängt an Speichergröße, Jahresarbeitszahl, Anlagengröße und Verbrauchsprofil — dafür fehlen belastbare, frei nachlesbare Vergleichswerte.
Häufige Fragen zu SG Ready
Was bedeutet SG Ready? +
Wie viele Betriebszustände gibt es? +
Welcher Zustand nutzt PV-Überschuss? +
Schaltet Betriebszustand 1 die Wärmepumpe ab? +
Ab welcher Größe gilt das? +
Welche Steuerspannung liegt an den Klemmen? +
Wie schnell darf eine Steuerung umschalten? +
Gilt das auch für Warmwasserwärmepumpen? +
Reicht ein Raumthermostat als Steuerung? +
Brauche ich einen Batteriespeicher dafür? +
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