Verschattung selbst messen: was ein Baum oder Schornstein wirklich kostet
Wir haben acht Horizontvarianten bei PVGIS durchgerechnet. Das Ergebnis widerspricht der üblichen Faustformel: Ein Hindernis im Süden kostet über das Jahr 4,0 Prozent — davon fällt kein einziges Kilowatt zwischen März und September an. Und dasselbe Hindernis im Osten kostet nur ein Drittel davon.
Verschattung ist keine Prozentzahl, sondern eine Jahreszeit
„Der Schornstein kostet Sie ungefähr fünf Prozent." Solche Sätze fallen bei fast jeder Vorbesichtigung, und sie sind fast immer aus der Luft gegriffen. Nicht weil die Zahl falsch sein muss, sondern weil eine Jahreszahl bei Verschattung das Falscheste ist, was man angeben kann.
Wir haben das nachgerechnet — nicht geschätzt, sondern mit dem Rechenwerkzeug der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission gemessen. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz sagen: Ein Hindernis im Süden kostet dich im Juni gar nichts und im Dezember mehr als die Hälfte.
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Was wir gemessen haben
Als Grundlage diente PVGIS 5.3, das Photovoltaic Geographical Information System der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission. Abgerufen wurde am 07.09.2026 über die öffentliche Rechenschnittstelle.
Konstant in allen Läufen: 51 Grad Nord und 10 Grad Ost — also etwa die Mitte Deutschlands —, 10 kWp Anlagenleistung, 14 Prozent Systemverluste, 35 Grad Dachneigung, Ausrichtung Süd. Die Strahlungsdaten stammen laut Antwort des Systems aus PVGIS-SARAH3 und decken die Jahre 2005 bis 2023 ab.
Verändert wurde nur eines: der Horizont. PVGIS nimmt dafür eine eigene Horizontlinie entgegen, und das Handbuch beschreibt das Format eindeutig — die Werte werden „in a clockwise direction starting at North" angegeben, bei 36 Werten also im 10-Grad-Raster ab Norden. Genau so wurden die Läufe gefahren.
| Horizontvariante | Jahresertrag bei 10 kWp | Abweichung |
|---|---|---|
| freier Horizont (Vergleichswert) | 10.344,29 kWh | — |
| 20 Grad im Ost-Sektor (60–120 Grad) | 10.220,77 kWh | −1,2 % |
| 20 Grad im West-Sektor (240–300 Grad) | 10.203,72 kWh | −1,4 % |
| 10 Grad rundum | 10.177,08 kWh | −1,6 % |
| 30 Grad schmal im Süden (170–190 Grad) | 10.022,66 kWh | −3,1 % |
| 20 Grad im Süd-Sektor (150–210 Grad) | 9.931,77 kWh | −4,0 % |
| 30 Grad im Süd-Sektor (150–210 Grad) | 9.483,63 kWh | −8,3 % |
| 20 Grad rundum | 9.307,98 kWh | −10,0 % |
Schon diese Tabelle räumt mit einer verbreiteten Vorstellung auf: 20 Grad Horizont rundum — eine geschlossene Bebauung oder ein Waldrand um das ganze Grundstück — kosten 10 Prozent. Ein einzelner Baum im Osten kostet 1,2 Prozent. Beides ist „Verschattung".
Der eigentliche Fund: acht von zwölf Monaten bleiben unverändert
Interessant wird es erst beim Blick auf die Monate. Wir haben denselben Fall — 20 Grad Hindernis im Süd-Sektor, Jahresverlust 4,0 Prozent — monatsweise gegen den freien Horizont gestellt.
| Monat | freier Horizont | 20 Grad Süd | Abweichung |
|---|---|---|---|
| Januar | 318,33 kWh | 173,22 kWh | −45,6 % |
| Februar | 513,96 kWh | 507,82 kWh | −1,2 % |
| März bis September | 913,91 bis 1.305,17 kWh | identisch | 0,0 % |
| Oktober | 690,51 kWh | 690,88 kWh | +0,1 % |
| November | 362,34 kWh | 252,77 kWh | −30,2 % |
| Dezember | 264,80 kWh | 112,73 kWh | −57,4 % |
| Jahr | 10.344,29 kWh | 9.931,77 kWh | −4,0 % |
Von März bis September ändert sich exakt nichts. Nicht wenig, sondern nichts: Die Monatswerte sind bis auf die zweite Nachkommastelle identisch. Der gesamte Jahresverlust von 412 kWh fällt in drei Monate, und im Dezember bleibt weniger als die Hälfte übrig.
Der Grund ist Geometrie. In 51 Grad Nord steht die Sonne am 21. Juni mittags rund 62 Grad über dem Horizont und läuft über jedes 20-Grad-Hindernis mühelos hinweg. Am 21. Dezember erreicht sie kaum 15 Grad — dann liegt die Anlage den halben Tag im Schatten desselben Hindernisses.
Warum der Süden dreimal so teuer ist wie der Osten
Dasselbe Hindernis, dieselbe Höhe von 20 Grad, derselbe Sektor von 60 Grad Breite — nur die Himmelsrichtung wechselt. Im Süden kostet es 4,0 Prozent, im Osten 1,2 Prozent und im Westen 1,4 Prozent. Das ist ein Faktor von rund 3,3 zwischen Süd und Ost.
Dahinter steckt kein Geheimnis, sondern die Verteilung der Einstrahlung über den Tag. Die Sonne liefert in unseren Breiten den größten Teil der Energie in den Stunden um den Mittag, wenn sie im Süden steht. Ein Hindernis im Osten schneidet dagegen nur die ersten Vormittagsstunden weg, in denen ohnehin wenig ankommt.
Erfahrungsgemäß ist das die Stelle, an der sich Sorgen und Wirklichkeit am weitesten auseinanderbewegen. Die große Eiche des Nachbarn im Osten, wegen der jemand die ganze Anlage infrage stellt, kostet nach dieser Rechnung 1,2 Prozent — weniger als der Unterschied zwischen zwei Modultypen. Der unscheinbare Kaminzug im Süden kostet mehr. Wie sich die Ausrichtung der Module selbst auswirkt, steht im Ratgeber zur Ost-West-Ausrichtung.
Breite schlägt Höhe
Zwei Fälle aus der Messreihe stehen sich direkt gegenüber, beide mit 30 Grad Hindernishöhe im Süden:
- schmal, 20 Grad Breite (170 bis 190 Grad) — wie ein Schornstein oder ein Mast: 10.022,66 kWh, also −3,1 %.
- breit, 60 Grad Breite (150 bis 210 Grad) — wie eine Baumreihe oder ein Nachbargebäude: 9.483,63 kWh, also −8,3 %.
Die dreifache Breite kostet fast das Dreifache. Umgekehrt heißt das: Ein hoher, schmaler Gegenstand ist längst nicht so teuer, wie er aussieht — er wandert im Tagesverlauf schnell aus der Sonnenbahn heraus. Eine niedrige, aber breite Bebauung ist teurer, als sie aussieht.
Wo diese Rechnung aufhört
Jetzt der Nachteil dieser Methode, und er ist wichtig genug für einen eigenen Abschnitt: Was PVGIS hier berechnet, ist der Fernhorizont. Das Handbuch sagt das selbst — die Funktion schätzt „the effects of shadows from nearby hills or mountains", also Geländeschatten und weit entfernte Hindernisse.
Ein Schornstein drei Meter neben den Modulen wirkt anders. Sein Schatten fällt nicht gleichmäßig auf die ganze Anlage, sondern wandert als scharf begrenzter Streifen über einzelne Zellen. Und weil die Zellen eines Moduls in Reihe geschaltet sind, zieht eine verschattete Zelle den ganzen Strang mit nach unten, bis die Bypass-Dioden übernehmen. Der Verlust hängt dann an der Verschaltung, nicht am Horizontwinkel.
Deshalb gilt: Die Prozentwerte oben sind für den Nahfall eine Untergrenze, keine Prognose. Wie stark die Verschaltung das verstärkt oder abfedert und wann sich Leistungsoptimierer oder Modulwechselrichter lohnen, behandelt der Ratgeber zu Leistungsoptimierern und Modulwechselrichtern. Und wenn eine bestehende Anlage messbar unter der Prognose bleibt, ist das ein Fall für den Ratgeber zu Gutachtern bei Minderertrag.
So misst du deinen eigenen Horizont
Du brauchst dafür ein Smartphone, ein Maßband und eine halbe Stunde. Zwei Zahlen je Hindernis, mehr nicht.
Schritt 1 — Standort festlegen. Stell dich dorthin, wo die untere Modulreihe liegen wird, nicht in die Dachmitte und nicht in den Garten. Bei einem Satteldach ist das die Traufkante der geplanten Fläche.
Schritt 2 — Himmelsrichtungen abgehen. Nutze die Kompassfunktion deines Telefons und notiere für Ost (90 Grad), Südost (135), Süd (180), Südwest (225) und West (270), was dort steht: nichts, Baum, Gebäude, Hang.
Schritt 3 — Höhenwinkel schätzen. Viele Wasserwaagen-Apps haben einen Neigungsmesser. Visiere die Oberkante des Hindernisses an und lies den Winkel ab. Alternativ rechnen: Höhe des Hindernisses geteilt durch Abstand, das Ergebnis als Tangens — 10 m Höhe in 20 m Abstand ergibt rund 27 Grad.
Schritt 4 — Breite notieren. Von welchem bis zu welchem Kompasswert reicht das Hindernis? Eine Baumreihe von Südost bis Südwest sind 90 Grad Breite.
Schritt 5 — Zahlen einsetzen. Trag die Werte im 10-Grad-Raster in PVGIS ein, im Uhrzeigersinn ab Norden. Vergleiche das Ergebnis mit dem Lauf ohne Horizont — die Differenz ist deine Zahl, nicht unsere.
Vergiss dabei nicht, was im Winter dazukommt: Bei tief stehender Sonne wirft auch das eigene Dach Schatten, etwa eine Gaube auf die Fläche daneben. Wie sich die Wintermonate ohnehin verhalten, steht im Ratgeber zu Winterertrag und Schnee.
Was im Angebot dazu stehen sollte
Ein Angebot, das eine Ertragsprognose nennt, ohne den Horizont zu erwähnen, hat den Horizont entweder nicht erhoben oder nicht gerechnet. Beides ist eine Rückfrage wert.
In der Prognose: Prüfe, ob eine Verschattungsanalyse genannt ist — und mit welchem Werkzeug sie erstellt wurde.
Bei den Monatswerten: Schau nach, ob die Prognose Monatswerte enthält oder nur eine Jahreszahl. Nur die Monatswerte zeigen, wo der Verlust liegt.
Beim Ortstermin: Achte darauf, ob jemand tatsächlich auf dem Dach oder am Modulfeld gemessen hat, nicht nur vom Boden aus geschaut.
Bei bekannter Verschattung: Frag, ob die Verschaltung der Stränge darauf Rücksicht nimmt — verschattete und unverschattete Module gehören nicht in denselben String.
Vor der Unterschrift: Rechne den Horizontfall selbst nach und vergleiche mit der Prognose des Anbieters. Weichen beide stark ab, frag nach dem Grund.
Wenn der Schatten vom Nachbargrundstück kommt
Ein Punkt, der regelmäßig falsch erwartet wird: Der naheliegende Paragraf hilft hier nicht. § 906 Absatz 1 BGB regelt die Zuführung „unwägbarer Stoffe" und zählt sie auf: Gase, Dämpfe, Gerüche, Rauch, Ruß, Wärme, Geräusch, Erschütterungen und ähnliche Einwirkungen. Schatten und Lichtentzug stehen nicht in dieser Liste — es fehlt die Zuführung von etwas.
Praktisch relevant sind stattdessen zwei andere Normen. § 910 BGB erlaubt dir, herüberragende Zweige abzuschneiden und zu behalten — aber erst, „wenn der Eigentümer dem Besitzer des Nachbargrundstücks eine angemessene Frist zur Beseitigung bestimmt hat und die Beseitigung nicht innerhalb der Frist erfolgt". Absatz 2 schränkt das ein: Das Recht besteht nicht, wenn die Zweige die Benutzung des Grundstücks nicht beeinträchtigen.
Und § 1004 Absatz 1 BGB gibt einen Beseitigungsanspruch gegen den Störer, wenn das Eigentum „in anderer Weise als durch Entziehung oder Vorenthaltung des Besitzes" beeinträchtigt wird — ausgeschlossen allerdings, wenn eine Duldungspflicht besteht. Ein Sonderfall steht in § 923 BGB: Steht der Baum genau auf der Grenze, kann jeder der beiden Nachbarn seine Beseitigung verlangen, und die Kosten fallen ihnen „zu gleichen Teilen zur Last" — es sei denn, der Baum dient als Grenzzeichen und lässt sich nicht durch ein anderes ersetzen.
Die Grenzabstände für Bäume regeln die Länder in eigenen Nachbarrechtsgesetzen; die weitere Einordnung steht im Ratgeber zum Nachbarschaftsrecht bei Photovoltaik.
Was wir hier nicht belegen können
Drei Einschränkungen gehören dazu, und wir benennen sie lieber, als sie zu überspielen:
Die Zahlen gelten für einen Punkt. Alle Läufe stehen auf 51 Grad Nord und 10 Grad Ost. Weiter nördlich steht die Wintersonne noch flacher, und dasselbe Hindernis kostet mehr. Wer die eigene Lage wissen will, muss die eigenen Koordinaten einsetzen — der Abruf dauert Sekunden.
Nahverschattung ist damit nicht erfasst. Für einen belastbaren Wert bei einem Hindernis auf dem eigenen Dach bräuchte es die Verschaltung der Stränge und die Bypass-Dioden-Aufteilung der konkreten Module. Das ist Sache eines Ertragsgutachtens, nicht eines Horizontabrufs, und wir behaupten dafür keine Zahl.
Zu den Landesnachbarrechtsgesetzen sagen wir nichts. Die Grenzabstände für Bäume unterscheiden sich zwischen den Bundesländern erheblich. Wir haben am 07.09.2026 keinen verwertbaren Direktabruf der Landesgesetzestexte erhalten und behaupten deshalb über sie nichts.
Häufige Fragen zur Verschattung von PV-Anlagen
Wie viel Ertrag kostet ein Schornstein? +
Ist ein Baum im Osten schlimm? +
Warum sind Sommer und Winter so unterschiedlich betroffen? +
Lohnt sich eine PV-Anlage bei Verschattung überhaupt noch? +
Kann ich vom Nachbarn verlangen, dass er den Baum kürzt? +
Welche Daten nutzt PVGIS? +
Muss ich den Horizont selbst eingeben? +
Reicht ein Leistungsoptimierer gegen Verschattung? +
Ein Angebot ist kein Vergleich.
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