Balkonkraftwerk in der Mietwohnung: Wann Vermieter und WEG zustimmen müssen
Seit dem 17. Oktober 2024 hat jeder Mieter einen Anspruch aufs Balkonkraftwerk – aber nicht auf jede Bedingung dabei. Was Vermieter und WEG noch verlangen dürfen, und wie du eine Ablehnung nach § 554 BGB und § 20 WEG durchsetzt.
Foto: Eigene Grafik nach § 554 BGB (gesetze-im-internet.de) und AG Hamburg-Wandsbek, Urteil vom 02.12.2025, Az. 714 C-160/25, referiert bei ra-kotz.de, Direktabruf 05.09.2026
Inhaltsverzeichnis · 13 Abschnitte
- 1.Der Zustimmungsanspruch nach § 554 BGB: was seit dem 17. Oktober 2024 gilt
- 2.Duldung, Erlaubnis oder gar keine Zustimmungspflicht? Der Streit um die "bauliche Veränderung"
- 3.Was der Vermieter trotzdem verlangen darf: Sicherheiten, Nachweise, Auflagen
- 4.Das "Wie" gehört dem Vermieter nicht automatisch: der Unterschied zur Eigentümergemeinschaft
- 5.Wann die Ablehnung tatsächlich wirksam ist: die Unzumutbarkeits-Hürde in der Praxis
- 6.Antrag richtig stellen: Fristen, Unterlagen, das Muster-Schreiben
- 7.Wenn der Vermieter schweigt oder ablehnt: Fristsetzung, Klage, Kosten
- 8.Was der Gesetzgeber je Fall veranschlagt – und was ein Streit tatsächlich kostet
- 9.Dein Antrag ist kein Sonderfall: die Fallzahlen, mit denen der Gesetzgeber gerechnet hat
- 10.Balkonkraftwerk in der Eigentümergemeinschaft: das "Ob" ist Pflicht, das "Wie" ist Beschlusssache
- 11.Wenn die Eigentümergemeinschaft ablehnt oder nicht reagiert: Anfechtungsklage und Fristen
- 12.VDE-Norm und Marktstammdatenregister: was der Vermieter nicht mehr verlangen darf
- 13.Häufige Fragen
Ein Balkonkraftwerk in der Mietwohnung braucht seit dem 17. Oktober 2024 keine Bittstellerhaltung mehr gegenüber dem Vermieter – § 554 BGB gibt dir einen echten Anspruch. Trotzdem scheitern Anträge in der Praxis ständig an derselben Verwechslung: Der Anspruch aufs "Ob" ist nicht dasselbe wie ein Freibrief fürs "Wie".
In der Eigentümergemeinschaft gilt sogar eine ausdrücklich andere Regel als im Mietverhältnis. Wer den Unterschied nicht kennt, verliert entweder unnötig Zeit mit einem zu vorsichtigen Antrag – oder baut vorschnell und riskiert eine Rückbauklage.
Dieser Artikel klärt, was ein Vermieter oder eine Eigentümergemeinschaft nach der Neuregelung noch verlangen darf, welche Fristen gelten, wie du eine Ablehnung rechtssicher durchsetzt – und wo sich Mieterschutz und Eigentümerinteressen tatsächlich in der Rechtsprechung reiben. Die technischen Grundlagen der 800-Watt-Regel und die Speicher-Frage klärt dieser Artikel bewusst nicht im Detail, dafür gibt es den Grundlagen-Ratgeber zur 800-Watt-Regel. Stand: 05.09.2026, alle Normtexte direkt bei gesetze-im-internet.de gelesen.
Der Zustimmungsanspruch nach § 554 BGB: was seit dem 17. Oktober 2024 gilt
§ 554 Absatz 1 Satz 1 BGB gibt jedem Mieter seit dem 17. Oktober 2024 einen eigenen Anspruch: Der Vermieter muss bauliche Veränderungen erlauben, die der Stromerzeugung durch Steckersolargeräte dienen – gleichrangig neben Ladepunkten für E-Autos, Einbruchsschutz und dem Zugang für Menschen mit Behinderungen. Die Vorschrift wurde durch das Gesetz vom 8. Oktober 2024 (BGBl. I) eingefügt, exakt zwei Wochen nach der parallelen Änderung im Wohnungseigentumsgesetz.
Der Wortlaut ist kürzer, als die meisten Ratgeber suggerieren: Absatz 1 umfasst genau drei Sätze – den Anspruch, die Zumutbarkeitsgrenze und die Möglichkeit einer Sicherheitsleistung. Absatz 2 fügt einen einzigen, aber wirkungsvollen Satz an: Eine zum Nachteil des Mieters abweichende Vereinbarung ist unwirksam. Eine Mietvertragsklausel, die Steckersolargeräte pauschal verbietet, ist damit von vornherein nichtig, ganz gleich, was im Vertrag steht.
Duldung, Erlaubnis oder gar keine Zustimmungspflicht? Der Streit um die "bauliche Veränderung"
Zwei Gerichte haben die zentrale Streitfrage bislang unterschiedlich beantwortet: Braucht ein bloß eingehängtes, ungebohrtes Balkonkraftwerk überhaupt eine Zustimmung? Der Bundesgerichtshof entschied für das Wohnungseigentumsrecht am 18. Juli 2025 (Az. V ZR 29/24) in eine Richtung: Eine bauliche Veränderung setzt keinen Substanzeingriff voraus.
Es reicht, dass die Anlage das optische Erscheinungsbild der Wohnanlage auf Dauer wesentlich verändert – neun sichtbare Module am Balkon genügten dafür.
Für das Mietrecht ist die Frage dagegen offen. Das Amtsgericht Hamburg-Wandsbek ließ sie in seinem Urteil vom 2. Dezember 2025 (Az. 714 C-160/25) ausdrücklich unentschieden: Ob das reine Einhängen zweier Module mit je 395 Watt an der Brüstung, ohne Bohren oder Dübeln, überhaupt eine erlaubnispflichtige bauliche Veränderung ist, musste das Gericht nicht klären. Der 500 Watt starke Wechselrichter des Mieters speiste den Strom regulär über eine Außensteckdose ein, das Gericht bejahte den Anspruch auf Zustimmung ohnehin über § 554 Absatz 1 BGB.
Nach der Linie des Landgerichts Hamburg (Az. 311 S 44/24) unterfallen auch Anlagen ohne Substanzeingriff der gesetzlichen Privilegierung – die Erlaubnispflicht besteht damit im Zweifel trotzdem, nur eben als Anspruch, der praktisch immer durchsetzbar ist. Prüfe deshalb vor dem Kauf, ob im Datenblatt deines Wechselrichters die Wechselrichterleistung eindeutig ausgewiesen ist.
Die Streuung ist real, nicht nur akademisch: Wer sich auf "kein Bohren, also keine Erlaubnis nötig" verlässt, geht ein Risiko ein, das noch kein Gericht rechtskräftig ausgeräumt hat. Praktisch macht der Unterschied wenig aus, solange du ohnehin schriftlich um Zustimmung bittest – aber er erklärt, warum du in Vermieterschreiben oder Foren beide Aussagen findest, scheinbar widersprüchlich, tatsächlich beide vertretbar.

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Was der Vermieter trotzdem verlangen darf: Sicherheiten, Nachweise, Auflagen
§ 554 Absatz 1 Satz 3 BGB erlaubt dem Vermieter, vom Mieter eine besondere Sicherheitsleistung im Zusammenhang mit der baulichen Veränderung zu verlangen – die Vorschrift verweist dafür ausdrücklich auf § 551 Absatz 3 BGB entsprechend. Das bedeutet konkret: Eine als Sicherheit hinterlegte Geldsumme muss der Vermieter getrennt von seinem eigenen Vermögen und verzinst anlegen, genau wie bei der regulären Mietkaution.
Anders als bei der normalen Kaution verweist § 554 BGB aber nicht auf die Höchstgrenze aus § 551 Absatz 1 BGB von 3 Monatsmieten – das Gesetz begrenzt die Höhe der Sicherheit für die bauliche Veränderung selbst nicht ausdrücklich, sie muss sich stattdessen an der Zumutbarkeit im Einzelfall messen lassen.
| Das darf der Vermieter verlangen | Rechtsgrundlage / Praxis |
|---|---|
| Schriftlichen, konkreten Antrag statt mündlicher Ankündigung | Nachweispflicht liegt beim Mieter im Streitfall |
| Sicherheitsleistung, getrennt und verzinst angelegt | § 554 Abs. 1 Satz 3 i.V.m. § 551 Abs. 3 BGB |
| Nachweis fachgerechter Montage bzw. Fachkraft-Prüfung der Hausinstallation | VDE-Empfehlung, kein Substanzeingriff als Zumutbarkeitsfaktor |
| Nachweis einer Haftpflichtversicherung für Drittschäden | Wesentliches Kriterium laut AG Köln, Az. 208 C 460/23 |
| Zusage zum rückstandslosen Rückbau bei Auszug | Senkt die Unzumutbarkeits-Einrede erheblich |
| Konformität mit DIN VDE V 0126-95 (Ausgabe 2025-12) | Produktnorm für Steckersolargeräte im Netzparallelbetrieb |
Das "Wie" gehört dem Vermieter nicht automatisch: der Unterschied zur Eigentümergemeinschaft
Haus & Grund Deutschland forderte in seiner Stellungnahme vom Februar 2024 zum Gesetzentwurf ausdrücklich eine Ergänzung: § 554 BGB solle dem Vermieter – anders als im damaligen Entwurf vorgesehen – ein Mitspracherecht über Art und Weise des Einbaus sowie die Technologieauswahl einräumen, parallel zu § 20 Absatz 2 Satz 2 WEG.
Dort darf die Eigentümergemeinschaft ausdrücklich über die Durchführung beschließen. Der Verband argumentierte, ohne ein solches "Wie"-Recht verliere der Vermieter die Hoheit über das äußere Erscheinungsbild seiner Immobilie.
Der Gesetzgeber hat diesen Vorschlag nicht übernommen. Im geltenden § 554 BGB fehlt bis heute jede dem § 20 Absatz 2 Satz 2 WEG entsprechende Klausel. Formal entscheidet damit über das "Wie" der Installation – Befestigungsart, Kabelführung, Optik – niemand ausdrücklich; es bleibt bei der allgemeinen Zumutbarkeitsabwägung aus Satz 2.
In der Praxis wirkt sich das kaum entschärfend aus, weil Gerichte genau diese Gesichtspunkte ohnehin in die Unzumutbarkeitsprüfung einbeziehen (siehe die Tabelle oben). Rechtstechnisch bleibt aber eine echte Lücke zur WEG-Parallelvorschrift bestehen, die der Verband bewusst offen kritisiert hat und die bis heute nicht geschlossen ist.
Wann die Ablehnung tatsächlich wirksam ist: die Unzumutbarkeits-Hürde in der Praxis
§ 554 Absatz 1 Satz 2 BGB lässt den Anspruch nur entfallen, wenn die bauliche Veränderung dem Vermieter "auch unter Würdigung der Interessen des Mieters nicht zugemutet werden kann". Die Darlegungs- und Beweislast dafür trägt vollständig der Vermieter – das hat das Landgericht Hamburg bereits in einem früheren Verfahren festgehalten (Az. 311 S 44/24) und das Amtsgericht Hamburg-Wandsbek in seinem Urteil vom 2. Dezember 2025 ausdrücklich bestätigt.
Was in der Praxis nicht reicht, zeigt der entschiedene Fall sehr konkret: Die Vermieterin verwies auf allgemeine Brandgefahr, herabfallende Teile, statische Risiken und einen hypothetischen Verwaltungsaufwand für jede Einzelfallprüfung. Das Gericht erkannte an, dass mit dem Betrieb generell Risiken verbunden sein können – aber ohne konkrete, auf die tatsächlich installierte Anlage bezogene Tatsachen trägt keiner dieser Einwände. Ein häufiger Fehler ist, dass Vermieter mit Textbausteinen aus alten Musterschreiben ablehnen, die noch die Rechtslage vor 2024 spiegeln.
Was dagegen zählt: eine nachgewiesene marode Balkonbrüstung, ein belegter Denkmalschutz der Fassade, ein technisch ungeeigneter, überlasteter Stromkreis oder eine fachlich begründete Normabweichung der konkreten Anlage. Der Unterschied zwischen "abstrakt gefährlich" und "konkret gefährlich für diesen Balkon" entscheidet praktisch jeden dieser Fälle.
Antrag richtig stellen: Fristen, Unterlagen, das Muster-Schreiben
Ein formloses "Ich hänge dann mal ein Balkonkraftwerk auf" reicht nicht als Nachweis, falls es später zum Streit kommt. Stelle den Antrag schriftlich, am besten per Einschreiben oder zumindest mit Lesebestätigung, und lege direkt die Unterlagen bei, die eine spätere Ablehnung erschweren.
Datenblatt des Wechselrichters, Nachweis der Konformität mit DIN VDE V 0126-95 (Ausgabe 2025-12) oder der Anschlussnorm VDE-AR-N 4105, Fotos der geplanten Befestigung.
Bestätigung deiner privaten Haftpflichtversicherung, dass Drittschäden aus dem Betrieb des Steckersolargeräts mitversichert sind – schriftlich, nicht nur mündlich vom Berater zugesagt.
Schriftlicher Antrag nach § 554 Absatz 1 BGB mit allen Unterlagen, dazu eine angemessene Prüffrist von 2 bis 3 Wochen – das ist keine gesetzliche Frist, sondern eine in der anwaltlichen Praxis übliche Empfehlung, denn das Gesetz selbst nennt keine Antwortfrist für den Vermieter.
Schriftliche Zusage, die Anlage bei Mietende rückstandslos zu entfernen, plus jährlicher Nachweis des Versicherungsfortbestands – das nahm im entschiedenen Fall den Ausschlag zugunsten des Mieters.
- Mietvertrag prüfen. Prüfe deinen Mietvertrag auf eine Klausel, die Steckersolargeräte pauschal verbietet – ist nach § 554 Absatz 2 BGB unwirksam – sie schadet dir formal nicht, verzögert aber oft die Diskussion.
- Balkonbeschaffenheit dokumentieren. Fotografiere Brüstung und Befestigungspunkt vor der Montage, das nimmt Vermietern das Argument, es sei "irgendetwas kaputt gegangen".
- Denkmalschutz recherchieren. Ein Blick ins Denkmalregister der Gemeinde erspart eine böse Überraschung – Details dazu im Ratgeber zu Photovoltaik und Denkmalschutz.
- Anmeldung im Marktstammdatenregister vorbereiten. Notiere dir das Datum der Inbetriebnahme, sie ersetzt nicht die Zustimmung des Vermieters, ist aber Pflicht innerhalb eines Monats nach Inbetriebnahme.
Wenn der Vermieter schweigt oder ablehnt: Fristsetzung, Klage, Kosten
Läuft die gesetzte Frist von 2 bis 3 Wochen ohne Reaktion oder mit einer unzureichend begründeten Ablehnung ab, bleibt nur der Klageweg – eigenmächtiges Montieren vor der Zustimmung ist keine Option. Selbst wenn du materiell im Recht bist, riskierst du eine kostenpflichtige Abmahnung oder eine Klage auf Rückbau, wenn du ohne Erlaubnis vorgehst.
Die Klage auf Zustimmung läuft vor dem zuständigen Amtsgericht. Der Streitwert bleibt dabei oft überschaubar: Im entschiedenen Fall aus Hamburg-Wandsbek betrug er 1.000 Euro, entsprechend moderat fielen die Kostenrisiken aus. Die Vermieterin musste am Ende die vollständigen Kosten des Rechtsstreits tragen, weil sie mit ihrer Rückbauklage unterlag und der Mieter mit seiner Widerklage auf Zustimmung durchdrang.
Was der Gesetzgeber je Fall veranschlagt – und was ein Streit tatsächlich kostet
Der Gesetzentwurf, der den Anspruch in § 554 BGB gebracht hat, rechnet vor, was die Neuregelung Vermieter an Zeit spart. Die Zahl ist ernüchternd klein – und genau deshalb aufschlussreich.
In der Bundestags-Drucksache 20/9890 heißt es zum Erfüllungsaufwand: Bei „70 800 Verlangen, die auf Mietwohnungen entfallen (118 000 x 3/5), und einer Zeitersparnis von fünf Minuten pro Fall" ergebe sich eine Entlastung von rund 5.900 Stunden im Jahr.
Bewertet wird diese Zeit im selben Dokument mit einem Stundensatz von 36,90 Euro (Wirtschaftsabschnitt „L Grundstücks- und Wohnungswesen"). Fünf Minuten sind danach 3,08 Euro je Fall – so viel kostet die Entscheidung über das „Ob" den Vermieter nach der Kalkulation des Gesetzgebers (eigene Umrechnung).
Dem steht der Preis eines einzigen streitigen Verfahrens gegenüber. Bei dem im Hamburger Fall angesetzten Streitwert von 1.000 Euro nennt die Anlage 2 zum GKG eine Gerichtsgebühr von 61,00 Euro; nach dem Kostenverzeichnis Nr. 1210 fallen im erstinstanzlichen Verfahren 3,0 solcher Gebühren an, also 183,00 Euro.
Für die Anwälte nennt die Anlage 2 zum RVG beim selben Streitwert 93,00 Euro je Gebühr. Das Vergütungsverzeichnis Nr. 3100 und 3104 setzt 1,3 für die Verfahrens- und 1,2 für die Terminsgebühr an, zusammen 2,5 Gebühren oder 232,50 Euro netto pro Anwalt.
Zusammengerechnet: 183,00 Euro Gerichtskosten plus zweimal 232,50 Euro ergeben 648,00 Euro netto, bevor Auslagenpauschale und Umsatzsteuer dazukommen (eigene Rechnung aus den drei Verzeichnissen). Der Verlierer trägt das nach § 91 ZPO.
Das Verhältnis ist das eigentliche Argument: Die Ablehnung, die der Gesetzgeber mit gut drei Euro Bearbeitungszeit veranschlagt hat, kostet im streitigen Fall rund das Zweihundertfache. Diese Rechnung gehört in dein Anschreiben – sachlich, ohne Drohton.
Formulierungsvorschlag statt Drohung. „Falls Sie meinem Antrag nicht zustimmen, bitte ich um eine auf meinen Balkon bezogene Begründung. Ein gerichtliches Verfahren über diesen Punkt liegt bei einem Streitwert von 1.000 Euro im Bereich mehrerer Hundert Euro Kosten, die nach § 91 ZPO die unterliegende Partei trägt." Das ist eine Tatsache, keine Drohung – und es verschiebt die Frage vom Grundsatz auf den konkreten Fall.
Dein Antrag ist kein Sonderfall: die Fallzahlen, mit denen der Gesetzgeber gerechnet hat
Ein häufiges Ablehnungsmuster lautet sinngemäß: Wenn ich das dir erlaube, muss ich es allen erlauben. Der Gesetzgeber hat genau damit gerechnet – und die Zahl steht in der Begründung.
Die Bundestags-Drucksache 20/9890 leitet ihre Prognose offen her: Nach der Marktstudie der HTW Berlin wurden 2020 rund 49.000 und 2021 rund 80.000 Geräte verkauft, die Photovoltaik-Strategie des BMWK von 2023 nennt „ca. 250 000 Steckersolargeräte" als installiert.
Daraus unterstellt der Entwurf 30.000 Käufe durch Mieter und Wohnungseigentümer im Jahr 2022, einen Anstieg von 50 Prozent jährlich und im Mittel der Jahre 2023 bis 2027 118.000 Anträge pro Jahr. Auf Mietwohnungen entfallen davon drei Fünftel, also 70.800 Fälle im Jahr.
Wie belastbar diese Basis war, zeigt der Abgleich mit einer zweiten Quelle. Das Fraunhofer ISE schreibt in Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland (Dokumentstand 20.08.2026): „Ende 2024 waren in Deutschland mehr als 780.000 Stecker-Solargeräte gemeldet und geschätzt die doppelte oder dreifache Anzahl tatsächlich in Betrieb."
Die 250.000 installierten Geräte, auf denen die Gesetzesbegründung aufsetzt, sind damit weniger als ein Drittel dessen, was gut ein Jahr später allein gemeldet war – und ein Zehntel bis Siebtel der vom ISE geschätzten Zahl tatsächlich betriebener Geräte (eigene Gegenüberstellung).
Für dein Anschreiben heißt das: Die Prognose von 70.800 Mietwohnungsfällen pro Jahr stammt aus einem Markt, der seither um ein Vielfaches gewachsen ist. Ein Vermieter, der dein Anliegen als Ausnahme behandelt, argumentiert gegen die Fallzahl, die der Gesetzgeber selbst zugrunde gelegt hat.
Erst fragen, dann kaufen. Die Gesetzesbegründung geht ausdrücklich davon aus, dass „zu einem Kauf … in der Regel erst dann kommen [dürfte], wenn eine Genehmigung vorliegt". Wer das Gerät vorher bestellt, verhandelt aus der schwächeren Position – und trägt im Streitfall zusätzlich das Risiko, auf einem montierten Gerät sitzenzubleiben.
Balkonkraftwerk in der Eigentümergemeinschaft: das "Ob" ist Pflicht, das "Wie" ist Beschlusssache
§ 20 Absatz 2 Nummer 5 WEG reiht die Stromerzeugung durch Steckersolargeräte seit dem 17. Oktober 2024 in den abschließenden Katalog von fünf privilegierten baulichen Veränderungen ein, gemeinsam mit Barrierefreiheit, E-Mobilität, Einbruchsschutz und Glasfaseranschluss. Jeder Wohnungseigentümer kann eine angemessene Maßnahme verlangen. Für die fest montierte Anlage auf dem Gemeinschaftsdach gilt das ausdrücklich nicht – welche Mehrheiten dort nötig sind, steht im Ratgeber zur PV-Anlage in der Eigentümergemeinschaft.
Anders als im Mietrecht regelt das Gesetz hier aber ausdrücklich, wer über die Ausführung entscheidet: Satz 2 verlangt, "über die Durchführung ... im Rahmen ordnungsmäßiger Verwaltung zu beschließen". Das Ob ist privilegiert, das Wie ist und bleibt Sache der Gemeinschaft.
Wie die BGH-Entscheidung vom 18. Juli 2025 (Az. V ZR 29/24) zeigt, ersetzt der materielle Anspruch niemals den formalen Beschluss: Wer montiert, bevor die Eigentümerversammlung entschieden hat, handelt rechtswidrig – selbst wenn er in der Sache Anspruch auf Zustimmung gehabt hätte. Die Gemeinschaft kann dann Rückbau verlangen und muss dabei nicht einmal begründen, warum sie die Maßnahme in der Sache ablehnt.
Ausführlich behandelt der Ratgeber zu Photovoltaik und Nachbarschaftsrecht diese WEG-Grundlagen samt der Grenze aus § 20 Absatz 4 WEG bei denkmalgeschützten Fassaden – hier geht es um die praktische Durchsetzung, wenn genau das passiert.
Wenn die Eigentümergemeinschaft ablehnt oder nicht reagiert: Anfechtungsklage und Fristen
Stellt ein Eigentümer den Antrag auf einen Gestattungsbeschluss und lehnt die Versammlung mehrheitlich ab, bleibt nur die Anfechtungsklage gegen den Beschluss. § 45 WEG setzt dafür eine klare Frist: Die Klage muss innerhalb eines Monats nach der Beschlussfassung erhoben und innerhalb von zwei Monaten begründet werden. Verpasst du diese Frist, wird der ablehnende Beschluss bestandskräftig, selbst wenn er materiell falsch war.
Anders als im Mietrecht, wo das Gesetz für die Antwort des Vermieters gar keine Frist vorschreibt, zwingt § 45 WEG beide Seiten zu einem klaren Zeitplan. Das ist der praktische Kern des Unterschieds zwischen den beiden Verfahren: Als Mieter wartest du auf eine Reaktion und musst selbst tätig werden, sobald sie ausbleibt oder unzureichend ausfällt. Als Eigentümer läuft die Uhr ab dem Tag der Beschlussfassung, ob du reagierst oder nicht.
| Merkmal | Mieter (§ 554 BGB) | Wohnungseigentümer (§ 20 WEG) |
|---|---|---|
| Frist für die Gegenseite zu antworten | Keine gesetzliche Frist | Keine feste Frist bis zur nächsten Versammlung |
| Frist zur eigenen Klage | Keine gesetzliche Frist (Verjährung nach 3 Jahren) | 1 Monat nach Beschlussfassung, § 45 WEG |
| Begründungsfrist der Klage | entfällt | 2 Monate nach Beschlussfassung, § 45 WEG |
| Wer entscheidet über das "Wie" | niemand ausdrücklich, nur Zumutbarkeit | die Gemeinschaft per Beschluss |

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VDE-Norm und Marktstammdatenregister: was der Vermieter nicht mehr verlangen darf
Seit dem Solarpaket I vom 16. Mai 2024 ist die früher zusätzlich nötige Anmeldung beim Netzbetreiber entfallen. Anlagen bis 2.000 Watt Modulleistung und 800 Voltampere Wechselrichterleistung müssen nur noch im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur gemeldet werden, mit einer Frist von 1 Monat nach Inbetriebnahme. Ein Vermieter, der zusätzlich eine gesonderte Netzbetreiber-Genehmigung verlangt, beruft sich auf eine Rechtslage, die seit über zwei Jahren nicht mehr gilt.
Auch beim Anschluss hat sich die technische Grundlage verschoben: Die Produktnorm DIN VDE V 0126-95 in der Ausgabe 2025-12 erlaubt den Anschluss über eine normale Haushaltssteckdose, solange Basisschutz und elektrische Sicherheit mechanisch oder elektromechanisch gewährleistet sind, die Wechselrichterleistung 800 Voltampere nicht übersteigt und die Modulleistung höchstens 960 Wp beträgt. Das Amtsgericht Hamburg-Wandsbek stützte sich in seinem Urteil ausdrücklich auf diese Norm, um Sicherheitsbedenken der Vermieterin gegen den Schukostecker-Anschluss zu entkräften.
Ein Vermieter darf also nicht mehr pauschal eine spezielle Energiesteckvorrichtung verlangen, wenn die Anlage die Norm einhält – Details zur Anmeldung selbst klärt der Ratgeber zur Marktstammdatenregister-Anmeldung. Achte darauf, dass im Datenblatt deines Geräts sowohl die Wechselrichter- als auch die Modulleistung ausgewiesen sind.
Wer sich für eine Anlage mit Speicher entscheidet, um den Mittagsstrom nicht ungenutzt zu verlieren, findet die Amortisationsrechnung und die technischen Unterschiede zwischen AC- und DC-Kopplung im Ratgeber Balkonkraftwerk mit Speicher – an der mietrechtlichen Zustimmungspflicht ändert ein Speicher nichts, er fällt genauso unter § 554 BGB wie das reine Modul-Wechselrichter-Paket.
Häufige Fragen
Darf mein Vermieter das Balkonkraftwerk grundsätzlich verbieten? +
Braucht ein Balkonkraftwerk in der WEG einen Zustimmungsbeschluss der Eigentümergemeinschaft? +
Wie lange darf mein Vermieter über meinen Antrag nachdenken? +
Was passiert, wenn ich ohne Zustimmung montiere? +
Muss ich als Mieter eine Versicherung nachweisen? +
Darf der Vermieter eine Kaution speziell fürs Balkonkraftwerk verlangen? +
Gilt für Wohnungseigentümer dieselbe Zumutbarkeitsprüfung wie für Mieter? +
Muss ich das Balkonkraftwerk trotzdem im Marktstammdatenregister anmelden, auch wenn der Vermieter zugestimmt hat? +
Was kostet ein Rechtsstreit über die Zustimmung zum Balkonkraftwerk? +
Mit wie vielen Anträgen hat der Gesetzgeber überhaupt gerechnet? +
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