Bauherrenpflichten bei der PV-Montage: Was die Baustellenverordnung verlangt
Sobald zwei Betriebe gleichzeitig auf deinem Dach arbeiten, greift eine Pflicht, die an keiner Anlagengröße hängt – und in kaum einem Angebot steht.
Sobald Fremdfirmen aufs Dach steigen, hast du eine Baustelle
Die meisten Auftraggeber denken bei einer PV-Montage an Termin, Preis und Ertrag. Dass sie damit rechtlich zum Bauherrn einer Baustelle werden, steht in keinem Angebot – auch nicht darin, dass die Anlage danach 20 Jahre lang auf einem Dach sitzt, das jemand warten muss.
§ 1 Absatz 3 BaustellV definiert die Baustelle knapp: der Ort, an dem ein Bauvorhaben ausgeführt wird – und ein Bauvorhaben ist das Vorhaben, „eine oder mehrere bauliche Anlagen zu errichten, zu ändern oder abzubrechen“. Absatz 2 nimmt einzig bergrechtliche Tätigkeiten aus. Eine Ausnahme für private Auftraggeber oder für kleine Vorhaben enthält der Verordnungstext nicht.
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§ 4 BaustellV: Die Pflichten treffen dich, nicht den Solarteur
Die Verordnung adressiert an einer einzigen Stelle, wer zuständig ist. § 4 BaustellV lautet vollständig: „Die Maßnahmen nach § 2 und § 3 Abs. 1 Satz 1 hat der Bauherr zu treffen, es sei denn, er beauftragt einen Dritten, diese Maßnahmen in eigener Verantwortung zu treffen.“
Zwei Dinge folgen daraus. Erstens: Ohne ausdrückliche Übertragung bleibst du zuständig. Zweitens: Die Übertragung wirkt nur, wenn der Dritte die Maßnahmen „in eigener Verantwortung“ übernimmt – eine beiläufige Zusage im Verkaufsgespräch ist das nicht. In der Praxis scheitert die Delegation daran, dass sie nirgends schriftlich steht.
Der Koordinator hängt an der Zahl der Arbeitgeber, nicht an der Anlagengröße
§ 3 Absatz 1 Satz 1 BaustellV ist der Satz, der in Ratgebern zur Photovoltaik fast nie auftaucht: „Für Baustellen, auf denen Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber tätig werden, hat der nach § 4 Verantwortliche einen oder mehrere geeignete Koordinatoren zu bestellen.“
Keine Dauer, keine Kostengrenze, keine Kilowatt-Schwelle. Eine gewöhnliche Aufdachmontage bringt regelmäßig drei Betriebe zusammen: den Solarteur, den Elektrofachbetrieb für den Zählerschrank und den Gerüstbauer. Damit ist der Tatbestand erfüllt, auch wenn die Anlage in 2 Tagen steht.
Satz 2 derselben Norm entschärft das erheblich: „Der Bauherr oder der von ihm nach § 4 beauftragte Dritte kann die Aufgaben des Koordinators selbst wahrnehmen.“ Ein externer SiGe-Koordinator ist also nicht zwingend – die Aufgabe selbst bleibt es.
Die Vorankündigung: Schwellen, die am Einfamilienhaus nie fallen
Anders als der Koordinator hängt die Vorankündigung an harten Zahlen. Nach § 2 Absatz 2 BaustellV ist sie der zuständigen Behörde spätestens 2 Wochen vor Einrichtung der Baustelle zu übermitteln, wenn
| Auslöser | Schwelle | Typische EFH-PV-Montage | Norm |
|---|---|---|---|
| Dauer und Personenzahl zugleich | mehr als 30 Arbeitstage – also über 30 Tage mit Arbeit – und mehr als 20 Beschäftigte gleichzeitig | weit darunter | § 2 Abs. 2 Nr. 1 |
| Gesamtumfang | mehr als 500 Personentage, also 500 Tage Arbeit je einer Person | weit darunter | § 2 Abs. 2 Nr. 2 |
| Koordinator | Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber – ohne Schwelle | in aller Regel erfüllt | § 3 Abs. 1 Satz 1 |
| SiGe-Plan | Vorankündigungspflicht bei mehreren Arbeitgebern oder Anhang-II-Arbeiten | meist nicht erfüllt | § 2 Abs. 3 |
Die Vorankündigung ist zusätzlich sichtbar auf der Baustelle auszuhängen und bei erheblichen Änderungen anzupassen. Für eine Hausdachanlage ist das praktisch nie relevant – für eine größere Freiflächenanlage kann es das sehr wohl sein; deren Genehmigungsweg behandelt der Ratgeber zur Freiflächenanlage.
Der SiGe-Plan und die 7-Meter-Grenze aus Anhang II
Ein Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan ist nach § 2 Absatz 3 BaustellV nur in zwei Fällen nötig: wenn bei Beschäftigten mehrerer Arbeitgeber eine Vorankündigung zu übermitteln ist, oder wenn besonders gefährliche Arbeiten nach Anhang II anfallen.
Anhang II BaustellV nennt in Nummer 1 unter anderem Arbeiten, bei denen Beschäftigte „der Gefahr … des Absturzes aus einer Höhe von mehr als 7 m ausgesetzt sind“, und Gräben tiefer als 5 m. Nummer 4 erfasst Arbeiten in einem geringeren Abstand als 5 m von Hochspannungsleitungen.
Delegieren geht – entlasten nicht
Wer einen Koordinator bestellt, ist nicht aus dem Schneider. § 3 Absatz 1a BaustellV sagt das in einem Satz: „Der Bauherr oder der von ihm beauftragte Dritte wird durch die Beauftragung geeigneter Koordinatoren nicht von seiner Verantwortung entbunden.“
Beachte den Zusatz „geeigneter“. Die Verordnung verlangt Eignung, definiert sie aber an dieser Stelle nicht durch eine Prüfung oder ein Zertifikat. Wer die Aufgabe selbst übernimmt, übernimmt damit auch die Frage, ob er dafür geeignet ist.
Was der Koordinator tatsächlich zu tun hat
§ 3 Absatz 2 BaustellV beschreibt drei Aufgaben in der Planungsphase: die Maßnahmen nach § 2 Absatz 1 koordinieren, den SiGe-Plan ausarbeiten oder ausarbeiten lassen und eine Unterlage mit Angaben für spätere Arbeiten an der baulichen Anlage zusammenstellen.
Diese dritte Aufgabe ist die, die bei Photovoltaik am längsten nachwirkt: Sie betrifft die Sicherheit bei späteren Arbeiten am Dach – Reinigung, Modultausch, Wechselrichterwechsel. Eine Anlage läuft 20 Jahre und länger; in dieser Zeit steigt mehr als einmal jemand aufs Dach, der bei der Montage nicht dabei war. Absatz 3 nennt für die Ausführungsphase fünf weitere Aufgaben, darunter darauf zu achten, dass Arbeitgeber und Unternehmer ohne Beschäftigte ihre Pflichten erfüllen.
Die Firmen bleiben verantwortlich – auch mit Koordinator
§ 5 Absatz 3 BaustellV stellt klar: „Die Verantwortlichkeit der Arbeitgeber für die Erfüllung ihrer Arbeitsschutzpflichten wird durch die Maßnahmen nach den §§ 2 und 3 nicht berührt.“ Der Koordinator koordiniert, er haftet nicht anstelle der Betriebe.
§ 6 BaustellV zieht dieselbe Linie für Einzelunternehmer: Auch „die auf einer Baustelle tätigen Unternehmer ohne Beschäftigte“ haben die Arbeitsschutzvorschriften einzuhalten und die Hinweise des Koordinators sowie den SiGe-Plan zu berücksichtigen. Dasselbe gilt für Arbeitgeber, die selbst mitarbeiten.
Bußgeld: was § 7 sanktioniert – und was nicht
Hier wird es überraschend. § 7 Absatz 1 BaustellV erfasst als Ordnungswidrigkeit genau zwei Verstöße: die fehlende, falsche, unvollständige oder verspätete Vorankündigung nach § 2 Absatz 2 Satz 1 – und das Versäumnis, für den SiGe-Plan nach § 2 Absatz 3 Satz 1 zu sorgen.
Die unterlassene Bestellung eines Koordinators nach § 3 Absatz 1 steht nicht in dieser Liste. Das ist ein Nachteil für jede Argumentation, die allein mit dem Bußgeldrisiko arbeitet: Ausgerechnet die Pflicht, die am ehesten greift, ist in § 7 nicht sanktioniert. Sie bleibt trotzdem eine Pflicht – und im Schadensfall ist genau das die Frage, die zuerst gestellt wird. Absatz 2 verweist für die vorsätzliche Gefährdung von Leben oder Gesundheit auf § 26 Nummer 2 des Arbeitsschutzgesetzes.
Die zivilrechtliche Seite: § 831 und § 836 BGB
Neben dem Ordnungswidrigkeitenrecht steht die Haftung. § 831 Absatz 1 BGB lässt den Geschäftsherrn für den Verrichtungsgehilfen haften, gibt ihm aber einen Entlastungsbeweis: Die Ersatzpflicht entfällt, wenn er bei Auswahl, Beschaffung und Leitung die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet hat – oder wenn der Schaden auch dann entstanden wäre.
Für die Zeit nach der Montage ist § 836 Absatz 1 BGB die wichtigere Norm. Sie erfasst ausdrücklich nicht nur den Einsturz, sondern auch „die Ablösung von Teilen des Gebäudes oder des Werkes“, und sie richtet sich an den Besitzer des Grundstücks. Ein Modul, das sich löst und einen Passanten trifft, ist genau dieser Fall. Absatz 2 lässt die Verantwortlichkeit eines früheren Besitzers noch 12 Monate nach dem Besitzende fortbestehen.
| Norm | Wen trifft sie | Worauf sie sich bezieht | Entlastung |
|---|---|---|---|
| § 831 Abs. 1 BGB | den Geschäftsherrn | Schaden, den der Verrichtungsgehilfe einem Dritten zufügt | Sorgfalt bei Auswahl, Beschaffung und Leitung – oder der Schaden wäre auch so entstanden |
| § 836 Abs. 1 BGB | den Besitzer des Grundstücks | Einsturz oder Ablösung von Teilen des Gebäudes oder Werkes | im Verkehr erforderliche Sorgfalt zur Abwendung der Gefahr |
| § 836 Abs. 2 BGB | den früheren Besitzer | Ereignisse innerhalb eines Jahres nach Besitzende | Sorgfalt während des eigenen Besitzes, oder ein späterer Besitzer hätte abwenden können |
| § 836 Abs. 3 BGB | – | Besitzer ist der Eigenbesitzer | – |
Was du in welcher Reihenfolge klärst
Solarteur, Elektrofachbetrieb, Gerüstbauer, Dachdecker – jeder eigene Betrieb zählt. Ab zwei greift § 3 Absatz 1 BaustellV.
Schritt 2: Entscheiden, wer koordiniert
Du selbst nach § 3 Absatz 1 Satz 2, ein beauftragter Dritter nach § 4 – oder ein externer Koordinator.
Schritt 3: Die Übertragung schriftlich fassen
§ 4 BaustellV verlangt, dass der Dritte die Maßnahmen „in eigener Verantwortung“ trifft. Mündlich lässt sich das später nicht zeigen.
Schritt 4: Die Schwellen des § 2 Absatz 2 gegenprüfen
Über 30 Tage Bauzeit und mehr als 20 Beschäftigte gleichzeitig, oder über 500 Tage Arbeit je Person – nur dann Vorankündigung, und zwar 2 Wochen vorher.
Schritt 5: Anhang II durchgehen
Absturz aus über 7 Metern, Gräben über 5 Meter, Hochspannungsleitungen näher als 5 Meter. Trifft eines zu, braucht es den SiGe-Plan.
✅ Deine Checkliste für: Was du in welcher Reihenfolge klärst
Was sich in diesem Rechercheschritt nicht belegen ließ
Erstens: Ob zwei Solo-Selbstständige ohne eigene Beschäftigte die Koordinatorenpflicht auslösen. § 3 Absatz 1 BaustellV spricht von „Beschäftigten mehrerer Arbeitgeber“, während § 6 die Unternehmer ohne Beschäftigte gesondert anspricht. Eine im Volltext gelesene Auslegung dazu lag in diesem Schritt nicht vor, und wir raten sie nicht.
Zweitens: Was ein externer SiGe-Koordinator für eine Einfamilienhaus-Anlage kostet. Dazu wurde keine datierte, direkt lesbare Preisquelle gefunden.
Drittens: Wie häufig Behörden diese Pflichten bei privaten PV-Baustellen prüfen. Eine belastbare Zahl dazu lag nicht vor. Stand: 5. September 2026.
Häufige Fragen
Bin ich als privater Auftraggeber wirklich Bauherr im Sinne der Baustellenverordnung? +
Brauche ich für eine Anlage mit 10 kWp einen SiGe-Koordinator? +
Muss ich die Baustelle bei einer Behörde anmelden? +
Was passiert, wenn ich keinen Koordinator bestelle? +
Haftet der Solarteur nicht ohnehin für seine eigenen Leute? +
Kann ich die Pflichten auf den Solarteur übertragen? +
Was hat es mit der 7-Meter-Grenze auf sich? +
Wie lange hafte ich noch, wenn ich das Haus verkaufe? +
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