Windlast am Dachrand: warum dort mehr Dachhaken sitzen müssen
Zwei baugleiche Module auf demselben Dach, im selben Wind: Am Rand zieht es fast viermal stärker als in der Mitte. Woher die Zahl kommt, wie breit die Randzone wirklich ist und woran du erkennst, ob dein Solarteur damit gerechnet hat.
Inhaltsverzeichnis · 17 Abschnitte
- 1.Windlast auf dem Schrägdach: der Wind zieht, er drückt nicht
- 2.Vier Windzonen, amtlich je Gemeinde zugeordnet
- 3.Vom Geschwindigkeitsdruck zur Last am Modul
- 4.Warum eine Tabelle von 2005 heute noch gilt
- 5.F, G, H, I: wie das Dach in Zonen zerfällt
- 6.Der Kernwert: Faktor 3,75 auf demselben Dach
- 7.Warum die Modulgröße die Zahl verändert
- 8.Was daraus an einem einzelnen Modul hängt
- 9.Die Anströmrichtung entscheidet mit
- 10.Was das für die Zahl der Dachhaken bedeutet
- 11.Schnee drückt, Wind zieht — und beides gehört in dieselbe Rechnung
- 12.Gelände, Bäume, Hanglage: was die Windlast zusätzlich verschiebt
- 13.Dachparallel oder aufgeständert: zwei verschiedene Rechnungen
- 14.Wenn die Windsogsicherung fehlt: ein eigener Schadenstyp
- 15.Was du vom Solarteur verlangen kannst
- 16.Was dieser Ratgeber offen lässt
- 17.Häufige Fragen
Zwei baugleiche Module liegen auf demselben Dach, im selben Wind, auf derselben Unterkonstruktion. Das eine sitzt in der Dachmitte, das andere einen Meter vom Ortgang entfernt. Am Randmodul zieht der Wind fast das Vierfache. Diese Zahl steht nicht in der Werbung eines Montagesystems, sondern fällt aus der Lastannahme heraus, die jeder Statiker für ein Satteldach rechnet — und sie ist der Grund, warum eine ordentlich geplante Anlage am Dachrand enger befestigt wird als in der Mitte.
Dieser Ratgeber zeigt, wo die Zahlen herkommen, wie die Zonen auf dem Dach zustande kommen und was du von deinem Solarteur dazu verlangen kannst. Er rechnet nichts nach, was ein Tragwerksplaner rechnen muss — er macht sichtbar, was in dessen Rechnung passiert.
Windlast auf dem Schrägdach: der Wind zieht, er drückt nicht
Windlast auf einem geneigten Dach ist in aller Regel Sog, nicht Druck. Die Luft strömt über den First, löst sich ab und erzeugt auf der Dachfläche einen Unterdruck, der die Deckung nach oben zieht. In den Lastannahmen bekommt dieser Sog ein negatives Vorzeichen, der Druck ein positives.
Für ein Satteldach mit 30 Grad Neigung nennt der Ingenieur Cedrik Zapfe in seiner Fachpublikation (Abruf am 11. September 2026) „Statische Anforderungen für Dach- und Freiflächenmontagen" Druckbeiwerte von −1,10 bis −1,40 im Sog, aber nur +0,40 im Druck. Der Sog ist also der maßgebende Lastfall, und er wirkt genau in die Richtung, in der eine Modulbefestigung am wenigsten Reserve hat: heraus aus dem Sparren.
Das Bauteil, das diese Kraft aufnimmt, ist nicht das Modul und nicht die Schiene. Es ist die Schlüsselschraube im Dachsparren. Wie viele davon nötig sind, hängt an zwei Größen: am Geschwindigkeitsdruck des Standorts und am Druckbeiwert der Dachzone, in der das Modul liegt.
Vier Windzonen, amtlich je Gemeinde zugeordnet
Deutschland ist in vier Windzonen eingeteilt, und die Zuordnung ist keine Schätzung nach Bauchgefühl, sondern Teil der bauaufsichtlich eingeführten Technischen Baubestimmungen der Länder.
Wie kleinteilig das ist, zeigt die Anlage zur Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen Mecklenburg-Vorpommern vom 5. Februar 2020: Im Landkreis Vorpommern-Rügen liegen die Amtsgebiete West-Rügen einschließlich Hiddensee, Nord-Rügen und Bergen in Windzone 4 — ausgenommen die Gemeinden Gustow, Poseritz und Garz/Rügen.
Der Rest des Landkreises liegt in Windzone 3. In Nordwestmecklenburg gehören die Amtsgebiete Gadebusch und Lützow-Lübstorf zu Windzone 2, alles übrige zu Windzone 3.
Drei Gemeinden Unterschied können also eine Zone Unterschied bedeuten. Wer die Windzone „für die Gegend" annimmt statt sie für die Gemeinde nachzuschlagen, rechnet unter Umständen mit dem falschen Grundwert — und zwar systematisch zu niedrig, weil die höhere Zone fast immer an der Küste liegt, wo auch die Anlagendichte hoch ist.
Vom Geschwindigkeitsdruck zur Last am Modul
Die Rechnung hat zwei Faktoren. Zapfe schreibt sie als we = cpe · q(ze): Der Geschwindigkeitsdruck q beschreibt, wie viel Energie im Wind am Standort steckt, der aerodynamische Beiwert cpe, was die Gebäudeform daraus macht. Der erste Faktor kommt aus der Windzone und der Gebäudehöhe, der zweite aus Dachform, Dachneigung und Lage auf der Dachfläche.
Für Gebäude bis 25 Meter Höhe gibt es eine Abkürzung, die vereinfachten Geschwindigkeitsdrücke. Zapfe listet sie in Kilonewton je Quadratmeter, gestuft bei 10 und 18 Metern Gebäudehöhe:
| Windzone | bis 10 m | 10 bis 18 m | 18 bis 25 m |
|---|---|---|---|
| 1, Binnenland | 0,50 kN/m² | 0,65 kN/m² | 0,75 kN/m² |
| 2, Binnenland | 0,65 kN/m² | 0,80 kN/m² | 0,90 kN/m² |
| 2, Küste und Ostseeinseln | 0,85 kN/m² | 1,00 kN/m² | 1,10 kN/m² |
| 3, Binnenland | 0,80 kN/m² | 0,95 kN/m² | 1,10 kN/m² |
| 3, Küste und Ostseeinseln | 1,05 kN/m² | 1,20 kN/m² | 1,30 kN/m² |
| 4, Binnenland | 0,95 kN/m² | 1,15 kN/m² | 1,30 kN/m² |
| 4, Küste und Ostseeinseln | 1,25 kN/m² | 1,40 kN/m² | 1,55 kN/m² |
| 4, Inseln der Nordsee | 1,40 kN/m² | — | — |
Zwischen Windzone 1 im Binnenland und einer Nordseeinsel liegt damit beim gleichen niedrigen Haus der Faktor 2,8 — 0,50 gegen 1,40 Kilonewton je Quadratmeter. Das ist eine eigene Division der beiden Tabellenwerte, keine Angabe der Quelle.
Warum eine Tabelle von 2005 heute noch gilt
Die Werte in dieser Tabelle stammen aus DIN 1055-4, also aus dem Regelwerk vor dem Eurocode. Das ist kein Versehen der Quelle und kein veralteter Stand, den man stillschweigend übernehmen dürfte — es ist eine ausdrücklich erlaubte Abkürzung.
Im Handbuch zum Statikprogramm 4H-WUSL Wind- und Schneelasten der pcae GmbH steht der Satz: „Nur für Deutschland (DIN 1055 und Eurocode mit NA-DE) gilt: Bei Gebäuden, deren Höhe 25 m nicht überschreitet, können die vereinfachten Geschwindigkeitsdrücke n. DIN 1055-4, Tab. 2, verwendet werden."
Für ein Einfamilienhaus ist das der Regelfall. Der Nachteil dieser Abkürzung: Die Staffelung nach Höhe entfällt innerhalb der Stufe, das Ergebnis liegt also eher auf der sicheren Seite. Bei gedrungenen Gebäuden, deren Breite und Tiefe größer sind als die Höhe, bringt die Vereinfachung laut demselben Handbuch ohnehin keinen Vorteil — genau das trifft auf die meisten Wohnhäuser zu.
F, G, H, I: wie das Dach in Zonen zerfällt
Die Dachfläche wird in Bereiche mit unterschiedlichen Beiwerten zerlegt, weil die Strömung an Kanten und Ecken abreißt und dort lokale Sogspitzen erzeugt. Zapfe benennt sie für Sattel- und Pultdächer als Zone F für den Eckbereich, Zone G für den Randbereich und Zone H für den Innenbereich; in der Eurocode-Rechnung kommt für die untere Dachhälfte noch Zone I dazu. Die Zonen sind keine Verwaltungsgrenzen auf dem Dach, sondern Abbild der Physik: Wo die Luft um eine Kante herumgerissen wird, ist der Unterdruck am größten.
Wie breit diese Streifen sind, hängt an einer einzigen Größe. Zapfe schreibt sie als ex = min(x; 2 · h) und ey = min(y; 2 · h), die Systemstatik von Schletter, Stand: 08/2009,, als e = min (x bzw. y oder 2 · h).
Maßgebend ist also der kleinere Wert aus Gebäudeabmessung und doppelter Gebäudehöhe — und als Gebäudehöhe zählt bei Sattel- und Pultdächern laut Schletter „stets die Firstoberkante", gemessen ab Geländeoberkante, bei Flachdachmontagen die Oberkante der Solaranlage. Aus diesem e ergeben sich die Streifenbreiten: e/10 für den schmalen Eckstreifen, e/4 für die tiefere Randzone.
Praktisch heißt das: Ein niedriges, breites Haus bekommt schmale Randzonen, ein hohes, schmales Haus breite. Bei einem Haus mit 7,50 Metern Traufhöhe und 10 Metern Breite ist 2 · h = 15 Meter größer als die Breite — maßgebend bleibt die Breite, e wird zu 10 Metern, der Eckstreifen also 1,00 Meter breit.
Der Kernwert: Faktor 3,75 auf demselben Dach
Wie stark sich das auswirkt, lässt sich an einem veröffentlichten Rechenbeispiel ablesen. Die Programmbeschreibung 061K „Wind- und Schneelasten — EuroCode 1" der pbs GmbH, Version 01.01.002, Stand: 09/2013, enthält einen vollständigen Ausdruck nach DIN EN 1990/NA, DIN EN 1991-1-3/NA und DIN EN 1991-1-4/NA, jeweils Ausgabe 2010-12. Gerechnet wird ein Satteldachhaus in Vellmar, Gemeindeschlüssel 06633026, 201 Meter über Normalnull, Grundriss 13,00 × 10,00 Meter, Wandhöhe 7,50 Meter.
Die Eingangswerte dort: Windzone 1, Profil Binnenland, Basisgeschwindigkeit vb = 22,50 m/s, Basisdruck qb = 0,32 kN/m², Böengeschwindigkeitsdruck qp(z) = 0,48 kN/m². Bei Anströmung quer zum First ergeben sich daraus diese Dachlasten:
| Dachbereich | cpe,10 | Sog bei 10 m² Einzugsfläche | cpe bei 1,75 m² | Sog bei 1,75 m² Einzugsfläche |
|---|---|---|---|---|
| F (Eckbereich) | −1,10 | −0,53 kN/m² | −1,40 | −0,68 kN/m² |
| G (Randbereich) | −1,40 | −0,68 kN/m² | −1,85 | −0,90 kN/m² |
| H (Innenbereich oben) | −0,83 | −0,40 kN/m² | −1,11 | −0,54 kN/m² |
| I (Innenbereich unten) | −0,50 | −0,24 kN/m² | −0,50 | −0,24 kN/m² |
Zwischen Randbereich G und Innenbereich I liegen bei Modulgröße 0,90 gegen 0,24 Kilonewton je Quadratmeter. Das ist der Faktor 3,75 — eine eigene Division der beiden Werte aus derselben Tabelle desselben Ausdrucks, bei unverändertem Wind, unverändertem Haus und unverändertem Modul. Der einzige Unterschied ist die Lage auf der Dachfläche.
Die Zonenmaße stehen im selben Ausdruck: Bei Queranströmung ist Zone F 1,00 × 2,50 Meter groß, Zone G 1,00 × 5,00 Meter, Zone H 4,00 × 10,00 Meter und Zone I 8,00 × 10,00 Meter. Der Streifen mit der höchsten Last ist also einen Meter breit. Ein Modul im Hochformat ragt mit seiner Langseite problemlos hinein.
Warum die Modulgröße die Zahl verändert
In der Tabelle stehen zwei Beiwerte nebeneinander, und der Unterschied ist keine Feinheit. Zapfe erklärt ihn so: „Bedingt durch die begrenzte räumliche Ausdehnung einer Windböe wird zwischen den Druckbeiwerten für eine Lasteinzugsfläche A = 1 m² und A = 10,0 m² unterschieden." Kleine Flächen bekommen höhere Beiwerte, weil eine Böe sie ganz erwischt, während sie sich über zehn Quadratmeter herausmittelt.
Entscheidend ist der nächste Satz: „Die erhöhten Werte cp1 gelten für die Anschlüsse der Module. Bei Solargeneratoren mit zusammenhängendem Untergestell sind im Regelfall die Druckbeiwerte cp10 maßgebend." Für die Schiene und den Gesamtnachweis rechnet man also mit dem gemittelten Wert — für die einzelne Modulklemme und den einzelnen Dachhaken mit dem höheren. Genau deshalb steht im Rechenbeispiel die Spalte für 1,75 Quadratmeter: Das ist die Größenordnung einer einzelnen Moduleinheit.
Was daraus an einem einzelnen Modul hängt
Kilonewton je Quadratmeter ist eine unanschauliche Einheit. Deshalb eine eigene Rechnung, ausdrücklich als solche gekennzeichnet: Ein Modul mit 1,75 Quadratmetern Fläche in Zone G trägt bei 0,90 kN/m² eine Sogkraft von rund 1,58 Kilonewton. Ein Kilonewton entspricht etwa 102 Kilogramm Gewichtskraft, die 1,58 Kilonewton also rund 161 Kilogramm. Dasselbe Modul in Zone I kommt auf 0,42 Kilonewton oder rund 43 Kilogramm.
Quelle: dasselbe Rechenbeispiel, Abruf am 11. September 2026. Beide Werte sind Bemessungsgrößen aus einem Beispiel, keine Messwerte an deinem Haus. Was sie zeigen, ist die Größenordnung: Am Dachrand hängt an einem einzigen Modul die Zugkraft eines erwachsenen Menschen, die nach oben zieht — dauerhaft wechselnd, in Böen, über 20 Jahre und mehr.
Die Anströmrichtung entscheidet mit
Derselbe Ausdruck rechnet dasselbe Haus auch längs zum First durch, und das Ergebnis sieht völlig anders aus: In Zone F und G steht dann ein Druckbeiwert von +0,70, also Druck statt Sog, und im Sog nur −0,33 beziehungsweise −0,43. Für die Bemessung zählt aber nicht der freundliche Fall, sondern der ungünstigste. Zapfe formuliert das so: „Da Wind an einem Gebäude aus verschiedenen Richtungen einströmen kann, ist jeweils der ungünstigste Fall zu betrachten."
Wer also eine Statik bekommt, in der nur eine Anströmrichtung auftaucht, hat eine halbe Statik. Die Zonen wandern mit der Windrichtung über das Dach — was bei Wind von Süden Innenbereich ist, kann bei Wind von Westen Randzone sein.
Was das für die Zahl der Dachhaken bedeutet
Montagesysteme geben ihre Tragfähigkeit nicht als Kraft je Haken an, sondern als Stückzahl je Quadratmeter Modulfläche. Schletter beschreibt das Vorgehen in der Systemstatik so: „Die Modulfläche wird als Trägerrost betrachtet; die erforderliche Anzahl der Befestigungselemente wird pauschaliert in Stück pro Quadratmeter angegeben." Die zugehörigen Tabellen liegen dort in den Anlagen 4 und 5, getrennt nach Dachhaken mit und ohne Aufsitzen sowie nach Blechfalzklemmen und Stockschraubenbefestigungen.
Der praktisch wichtigste Absatz dieses Dokuments steht aber in den Bemerkungen und betrifft genau den Dachrand:
„Eine Anlage ist stets nur so gut befestigt wie z.B. der erste Blechfalz am Rande des Daches. Aus diesem Grund sollten Anlagen immer ausreichenden Sicherheitsabstand zu den Dachrandzonen haben. Weiterhin sollten in der Randzone immer mehr Befestigungselemente als im Mittel vorgeschrieben, verwendet werden (z.B. am Rand auf jedem Sparren ein Dachhaken)."
Das ist der Reißverschlusseffekt: Löst sich die Befestigung am Rand, arbeitet der Wind sich unter die Fläche und hebelt sie Reihe für Reihe auf. Derselbe Text nennt auch die Mindestanforderung am einzelnen Haken — „Dachhaken mit mindestens zwei Schlüsselschrauben, 8 mm ausreichender Einschraubtiefe im Sparren". Prüfe das auf den Montagefotos, bevor die Module liegen, und fotografiere im Zweifel selbst nach; achte auf die Zahl der Schrauben je Haken. Worauf es dabei ankommt, steht im Ratgeber zu falsch montierten Dachhaken.
Schnee drückt, Wind zieht — und beides gehört in dieselbe Rechnung
Die zweite Klimalast wirkt genau entgegengesetzt. Im Rechenbeispiel aus Vellmar liegt Schneelastzone 2 vor, Regelfall, mit einer charakteristischen Schneelast am Boden von 0,85 Kilonewton je Quadratmeter und einer Schneewichte von 2,00 Kilonewton je Kubikmeter. Auf die Dachfläche kommt davon nur ein Teil an: Zapfe gibt die Umrechnung als s = sk · µ1 an, wobei der Formbeiwert µ1 mit steigender Dachneigung fällt und ab 60 Grad null wird — so steil bleibt kein Schnee liegen.
Für die Befestigung heißt das: Die Haken müssen Druck nach unten und Sog nach oben aushalten, und beide Lastfälle haben ihre eigene ungünstigste Kombination. Wie sich Schnee auf dem Modul außerdem auf den Ertrag auswirkt, steht im Ratgeber zu PV-Ertrag im Winter.
Gelände, Bäume, Hanglage: was die Windlast zusätzlich verschiebt
Neben der Windzone geht die Umgebung in die Rechnung ein. Schletter beschreibt die Einteilung in vier Geländekategorien, von Kategorie I — „glattes, flaches Land ohne Hindernisse" — bis zur dicht bebauten Kategorie IV; angrenzende Bebauung mindert die Windbelastung.
Das pcae-Handbuch nennt dazu zwei Regeln, die in der Praxis gern falsch angewendet werden: Ein raueres Profil darf nur gewählt werden, wenn der Standort weiter als drei Kilometer von glatterem Gelände entfernt liegt, und „Wälder dürfen maximal mit Geländekategorie II bewertet werden, da nicht sichergestellt ist, dass die Vegetation den hohen Windkräften standhält". Im Zweifel gilt die glattere, also ungünstigere Kategorie.
Für die Topographie gibt dasselbe Handbuch eine klare Schwelle: Topographieeffekte dürfen vernachlässigt werden, wenn die mittlere Geländeneigung auf der Luvseite unter drei Grad liegt. Darüber — am Hang, kurz hinter einer Kuppe, an einer Böschung — steigt die Windgeschwindigkeit, und der Topographiebeiwert muss ermittelt werden. Ein Haus am Hangrücken ist also kein Sonderfall für Ästheten, sondern einer für die Statik.

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Dachparallel oder aufgeständert: zwei verschiedene Rechnungen
Der Unterschied zwischen einer dachparallelen Aufdachanlage und einer aufgeständerten Anlage ist in den Lastannahmen fundamental. Zapfe hält fest: „Bei dach- und wandparallelen PV-Anlagen brauchen keine zusätzlichen Belastungen aus Wind und Schnee berücksichtigt werden. Aufgeständerte Anlagen bewirken hingegen zusätzliche Belastungen aus Wind und Schnee, die im Rahmen einer Bestandsprüfung nachzuweisen sind." Die dachparallele Anlage verändert die Umströmung des Gebäudes kaum — die aufgeständerte schiebt eine schräge Fläche in den Wind.
Für aufgeständerte Systeme enthielt DIN 1055-4 laut Zapfe ausdrücklich keine Regelungen; nach Abstimmung im Normenausschuss Bauwesen durften stattdessen die Regeln des Eurocode für freistehende Dächer angewendet werden. Heute stützen sich die Hersteller auf eigene Windkanalversuche.
Ein Beispiel ist das Kurzgutachten „Windlasten auf das D-Dome 6.10 PV-Flachdachsystem" von K2 Systems, das ausdrücklich auf DIN EN 1991-1-4:2010-12, den Nationalen Anhang von 2010-12 und die Windkanalrichtlinie der Windtechnologischen Gesellschaft verweist und für Flachdächer mit höchstens 10 Grad Neigung gilt. Die Zahlen dort stammen aus Messungen im Windkanal, nicht aus einer Tabelle.
Für Flachdächer mit Ballast gilt ohnehin ein eigenes Kapitel; Schletter merkt trocken an: „Hier ist zu beachten, dass am Flachdach größere Kräfte auftreten als beim Schrägdach." Was das für die Ballastierung bedeutet, steht im Ratgeber zur Aufständerung auf dem Flachdach.
Wenn die Windsogsicherung fehlt: ein eigener Schadenstyp
Dass unzureichende Windsogsicherung kein theoretisches Risiko ist, zeigt der Forschungsbericht „Solaranlagen auf Flachdächern im Gebäudebestand" des Aachener Instituts für Bauschadensforschung und angewandte Bauphysik vom 25. Juli 2016.
Die Schadenstypologie darin führt gleich drei eigene Nummern zum Thema: „(Unzulässige) Windsogsicherung über adhäsive Verklebung mit der Dachbahn", „Nichtbeachtung von Herstellerangaben — Lastannahmen zur Windsogsicherung" und „Unzureichende Windsogsicherung der Solarelemente".
Der Bericht untersucht Flachdächer, nicht Schrägdächer — er belegt hier also nicht die Häufigkeit auf Steildächern, sondern nur, dass Bauschadensforscher diesen Fehler als eigenständigen, wiederkehrenden Typ führen und nicht als Einzelfall.
Was du vom Solarteur verlangen kannst
- Lass dir Windzone und Geländekategorie nennen, mit denen gerechnet wurde — die Windzone gehört zur Gemeinde, nicht zur Region.
- Frag nach der Gebäudehöhe, die angesetzt wurde. Bei Sattel- und Pultdächern ist das die Firstoberkante ab Geländeoberkante, nicht die Traufe.
- Lass dir zeigen, wie breit Rand- und Eckzone auf deinem Dach sind und welche Module hineinragen. Die Breite folgt aus e = min(Gebäudeabmessung; 2 · Gebäudehöhe).
- Vergleiche die Zahl der Befestigungspunkte je Quadratmeter in der Randzone mit der in der Dachmitte. Sind beide gleich, frag nach der Begründung.
- Steht in den Unterlagen eine Windzone mit Gemeindebezug, oder nur ein Bundesland?
- Ist die Geländekategorie benannt — und passt sie zur Umgebung, oder wurde ein Wald in der Nachbarschaft als Windschutz gewertet?
- Taucht mehr als eine Anströmrichtung in der Rechnung auf?
- Wird zwischen Beiwerten für 10 m² und für Modulgröße unterschieden, wenn es um die einzelnen Befestigungspunkte geht?
- Sitzen die Dachhaken am Ortgang enger als in der Dachmitte?
- Hat jeder Dachhaken mindestens zwei Schlüsselschrauben mit ausreichender Einschraubtiefe im Sparren?
- Liegt das Haus am Hang oder auf einer Kuppe, und ist das in der Rechnung aufgetaucht?

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Was dieser Ratgeber offen lässt
Drei Dinge konnten für diesen Artikel nicht belegt werden, und sie werden hier offen benannt statt geschätzt. Erstens gibt es keine auffindbare Statistik dazu, wie viele PV-Anlagen in Deutschland durch Windsog beschädigt werden — weder ein Verband noch ein Versicherer veröffentlicht eine Zahl, die sich auf Schrägdächer bezieht.
Zweitens ließ sich keine frei lesbare Tabelle mit der Zugtragfähigkeit einzelner Dachhaken-Typen in Kilonewton finden; die Herstellerunterlagen geben Stückzahlen je Quadratmeter an, nicht die Einzeltragfähigkeit. Drittens ist der Nationale Anhang zum Eurocode kostenpflichtig; alle Eurocode-Zahlen hier stammen aus dem veröffentlichten Rechenbeispiel eines Statikprogramms.
Und eine Abgrenzung: Dieser Ratgeber ersetzt keinen Standsicherheitsnachweis. Ob dein Dachstuhl die Anlage trägt und wann ein Nachweis überhaupt verlangt wird, ist eine baurechtliche Frage — dazu gibt es den Ratgeber zu Verfahrensfreiheit und Standsicherheit.